4. Mai 2009
Mahnmal für die Opfer des SED-Regimes
Mit der Benennung eines Platzes oder einer Straße nach dem letzten an der innerdeutschen Mauer Erschossenen, Chris Gueffroy, will die FDP-Ratsfraktion an die Opfer der SED-Diktatur erinnern. Einen entsprechenden Antrag hat die FDP-Fraktion in den Rat der Stadt Göttingen eingebracht.
„In diesem Jahr feiern wir den 60. Jahrestag der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und den 20. Jahrestag des Mauerfalls. Dies ist Anlass genug, auch die Opfer des SED-Regimes in Göttingen endlich öffentlich zu würdigen. Analog zum Gedenkstein für Chris Gueffroy in Berlin, wollen wir mit einer Platz- oder Straßenbenennung stellvertretend aller Opfer der sozialistischen Diktatur im ehemaligen Osten unseres Landes gedenken“, erklärt FDP-Ratsherr Ben Schroeter.
20 Jahre nach dem Mauerfall sei bei vielen Menschen die Erinnerung an den Unrechtsstaat DDR leider schon verblasst. Mit einer Straßenbenennung wolle man die aktive Auseinandersetzung mit diesem dunklen Kapitel deutscher Geschichte befördern.
„Wir müssen den Menschen wieder stärker ins Bewusstsein rufen, dass die DDR ein menschenverachtender Staat war. Studien zeigen, dass insbesondere junge Menschen über wenig geschichtliches Wissen über die DDR verfügen. Einige haben geradezu romantische Vorstellungen vom Sozialismus in der DDR“, stellt Schroeter mit Erschrecken fest. Es gelte, ein Zeichen für Freiheit und Einheit zu setzen.
Chris Gueffroy sei dazu besonders geeignet. Schon in seiner Jugend begehrte er gegen den Obrigkeitsstaat DDR auf. Als Gueffroy zum Wehrdienst eingezogen werden soll, beschließt er schließlich gemeinsam mit einem Freund die Republikflucht. Am 6. Februar 1989, wenige Monate vor dem Mauerfall, wird er von DDR-Grenzsoldaten mit mehren Schüssen in den Rücken feige getötet. Er wird nur 20 Jahre alt.
Rede zur Antragseinbringung
Es gilt das gesprochene Wort
Frau Vorsitzende,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
in diesem Jahr feiern wir den 60. Jahrestag der Gründung unseres Landes und den 20. Jahrestag des Falls der innerdeutschen Mauer. Für die Stadt Göttingen, die von 1949 bis 1990 an der innerdeutschen Grenze lag, im so genannten Zonenrandgebiet, sind diese beiden Jahrestage von besonderer Bedeutung.
Denn Freiheit und Einheit, so lautet das Motto der Bundesregierung für das Doppeljubiläum, stehen in einem inneren Zusammenhang. Es war der Drang unserer ostdeutschen Mitbürger nach Freiheit, der die deutsche Einheit erst ermöglichte. Nicht weit von hier, im Grenzdurchgangslager Friedland, hat sich dieser Freiheitswille schon vor dem Fall der innerdeutschen Grenze regelmäßig manifestiert. Über viele Jahre fanden ostdeutsche Mitbürger, die es im Unrechtsstaat DDR nicht mehr aushielten, über Friedland den Weg in die Freiheit. Nicht wenige ließen sich auch in Göttingen nieder.
Nach der deutschen Wiedervereinigung rückte Göttingen dann, geographisch gesehen, vom Rand der Republik in die Mitte Deutschlands. Dies wiederum brachte einschneidende Veränderungen mit sich und ermöglichte erst viele städtische Entwicklungen wie etwa den Logistikstandort Göttingen oder die Konversion der ehemaligen Zietenkasernen zum Wohngebiet.
Göttingen hat also in besonderer Weise vom Fall der innerdeutschen Mauer profitiert.
Leider ist heute, 20 Jahre nach dem Mauerfall, die Erinnerung an die sozialistische Diktatur und das unmenschliche Regime der SED vielfach schon verblasst. Eine Studie des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin stellte bei Schülerinnen und Schülern diesbezüglich erschreckende Bildungslücken fest. So wurde die Stasi etwa vielfach als „normaler Geheimdienst“ wie in allen anderen Staaten eingeschätzt.
In den Augen vieler Jugendlicher war die DDR zudem ein soziales Paradies und keine Diktatur, den Rentnern ging es besser als heute, und soziale Sicherheit wog die Rechtlosigkeit des Einzelnen unter den SED-Obristen mehr als auf. So die Meinung der Schüler.
Die Mehrheit aller befragten Jugendlichen wusste noch nicht einmal, wer die Mauer errichtet hat. Viele tippten auf die Bundesrepublik oder die Alliierten. Fast die Hälfte der ostdeutschen und 66 Prozent der westdeutschen Schüler bejahte die Aussage „Die DDR war keine Diktatur, die Menschen mussten sich nur wie überall anpassen.“
Vor diesem Hintergrund hat der Leiter der Gedenkstätte im ehemaligen Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, vor kurzem eine neue Gedenkkultur im Umgang mit der DDR-Vergangenheit angemahnt. Er halte es für einen Skandal, dass vielerorts noch Straßen nach Kommunisten benannt wären, es aber keine Straße in Deutschland gäbe, die an die mutigen Menschen erinnere, die in der DDR für die Freiheit gekämpft haben.
Chris Gueffroy, ist kein solcher Freiheitskämpfer, aber wir halten ihn dennoch für geeignet, um an die Schreckensherrschaft der SED zu erinnern und so insbesondere jungen Menschen die Augen für die Verbrechen im ehemaligen Staat im Osten unseres Landes zu öffnen. Chris Gueffroy wurde in der Nacht vom 5. zum 6. Februar 1989 von DDR-Grenzschützern an der innerdeutschen Mauer erschossen. Er war die letzte Person, die so auf dem Weg in die Freiheit ums Leben kam. Seit 2003 erinnert eine Gedenkstehle in Berlin an dieses Ereignis.
Die Benennung eines Platzes oder einer Straße nach Chris Gueffroy könnte auch in Göttingen ein Mahnmal für dieses dunkle Kapitel unserer Geschichte sein. Ich bitte Sie daher um Ihre Zustimmung.
